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Fragen an einen Umweltexperten

Fragen an einen Umweltexperten

2019-02-27T22:00:51+00:00 27. Februar, 2019|Categories: Allgemein|

Die Europa-Union Hammelburg hatte Hans-Josef Fell als Gast im Europa-Haus. Im Rahmen eines Frühschoppens den der Arbeitskreises für Politik und Gesellschaft (APG) ausrichtete, trug der inzwischen weltweit bekannte Hammelburger vor.

Fell ist ein Experte in Umweltfragen. Seine Expertise, seine Sicht auf Klima, Energie und Umwelt, ist von Politikern, Wissenschaftlern, Industriellen und Spitzenbeamten vieler Staaten gefragt. Unser Planet ist bedroht. Nicht durch Außerirdische, sondern durch eine wachsende Zivilisation die keine Grenzen zu kennen scheint. Bedarf und Verbrauch an Rohstoffen dieser Erde ist ins Unermessliche gestiegen. Die Folgen sind abzuschätzen. Schlüsse sind zu ziehen. Die Verantwortlichen in den Ländern sind aufgewacht.
1952 in Hammelburg geboren, schon als Schüler für alle die Umwelt und das Überleben der Menschheit berührenden Fragen offen, studierte er nach dem Abitur Physik und Sport, war Stadt- und Kreisrat, von 1998 bis 2013 Mitglied des Deutschen Bundestages. In Ausschüssen und Gremien eingebunden, war er ein Vorreiter und Sprecher für existenzielle Themen die über die Tagespolitik hinauswiesen und die eine bessere Welt für alle Menschen nicht aus den Augen ließ. Fell war nie Handlanger der Konzerne. Auch in seiner eigenen Partei, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN war er manchmal unbequem. Er nahm nie ein Blatt vor den Mund, wenn es darum ging, Probleme und deren Verursacher zu benennen. Bei Problemen blieb er nicht stehen. Fell suchte und fand Lösungen.
Nach seinem Ausscheiden aus dem Parlament im Jahr 2013, hat sich die Internationalität von Hans-Josef Fell erweitert. Im Jahre 2018 erhielt er aus China einen hoch dotierten Preis.
Fell ist ein Vordenker. Sein Denkansatz ist strategisch. Das heißt, er hat das große Ganze im Blick: das Überleben der Menschheit in einer Zeit in der wachsende Weltbevölkerung mit unersättlichem Hunger nach Energie für stetig wachsenden Volkswirtschaften. Die natürlichen und fossilen Rohstoffe sind in ihrer Verfügbarkeit begrenzt. Lagerstätten erschöpfen sich. Im Verbrennungsprozess, von Kohle, Öl und Erdgas werden Schadstoffe in bedrohlichem Umfang freigesetzt.
Jedes Schulkind weiß heute um die Schädlichkeit der fossilen Brennstoffe. Luftverschmutzung, Treibhauseffekt, Klimawandel. Die Folgen sind gefürchtet. Sie machen den Menschen Angst. Wir sind alle als Verbraucher Täter und Opfer in einem.
Die Erderwärmung scheint unaufhaltsam und damit das Ansteigen des Meeresspiegels. Das Klima schlägt Kapriolen sagen die Forscher. Die Sommer werden aufs Ganze gesehen heißer, die Winter kälter. Man denke an die extremen Wetterlagen in den USA in den letzten Jahren. Die Wüstengebiete dehnen sich weiter aus. Permfrost der in Sibirien im Dauerfrostboden Methan bindet, eines jener gefürchteten Treibhausgase, wird erwärmt und gibt gasförmige Stoffe in gigantischen Mengen in die Atmosphäre frei.
Seiner Zeit voraus, hat Fell bereits in den siebziger Jahren auf die Gewinnung von erneuerbaren Energien hingewiesen.
An erster Stelle steht für Fell die Solarenergie, die uns die Sonne Tag für Tag neu schenkt. Eine steigende Zahl Photovoltaikanlagen auf Dächern und als Großanlagen auf freiem Feld, sind Hinweise auf ein Umdenken in Deutschland. Fell wird nicht müde immer wieder auf diese Chance hinzuweisen, endlich in einem kraftvollen Anlauf die fossilen Brennstoffe hinter sich zu lassen und so rasch als möglich eine hundertprozentige Stromversorgung durch erneuerbare Energiequellen zu erreichen. Dazu zählt Fell selbstverständlich auch Windstromanlagen die ebenso Energie ins Netz einspeisen, wie Wasserkraft und Erdwärme. „Wir könnten weiter vorangekommen sein, wenn die Politik diese mit mehr Durchschlagskraft durchsetzen würde“, resümiert Fell.
Was für ein Kraftakt war vor kurzem erforderlich um den Kohleausstieg in Deutschland so hinzubekommen, dass alle Beteiligten dem Pakt zustimmen konnten. Der Interessenausgleich mit den Stromkonzernen kostet den Steuerzahler Milliarden. Marktwirtschaftlich ist das Problem nicht lösbar. Der Staat springt ein. Man denke an die Bankenrettung.
Neuestes statistisches Material steht Fell zur Verfügung. In vielen wissenschaftlichen Institutionen, oft Universitäten und Technischen Hochschulen angegliedert, arbeitet Fell mit. Er ist ein weltweit geschätzter überzeugender Redner. Sein Rat wird weltweit gehört. Vorträge und Lehraufträge sind für Fell die wesentlichen Aufgaben seines Lebens, denen sich der Siebenundsechzigjährige stellt. Kompetent, sachlich, die Leidenschaft für die Sache durch Kontrolle seiner Emotionen immer fest im Griff. In der ganzen Welt zuhause.
Fell ist zugleich ein politischer Kopf. Er erklärte den Zuhörern wie Energielieferungen oder deren Verweigerung zu geopolitischen Verwerfungen führen. Fell sieht darin eine Gefahr für den Frieden in Europa.
Das jüngste Beispiel. Die Ablehnung der USA und Polens gegen den Bau der Erdgaspipeline North Stream II. Nationale Interessen dominieren die Politik. Erdöl und Erdgas sind ein Riesengeschäft in dem vornehmlich US- Konzerne Milliarden verdienen.
Dass der Deutsche Bundestag überhaupt ein Gesetz „Erneuerbare Energien“ (EEG) auf den Weg brachte, das ist ein Verdienst Fells, zu einer Zeit, als er als MdB Umweltpolitischer Sprecher BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN war. Ein Sprung nach vorn. Dieses moderne Gesetz fördert den Ausbau erneuerbarer Energien. Es regelt die bevorzugte Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Quellen ins Stromnetz. Das EEG garantiert den Erzeugern feste Einspeisevergütung.
Fell beklagt, dass die anfängliche hoffnungsvolle Herstellung von Solarzellen in Deutschland inzwischen nach China abwanderte. Er hielt der Bundesregierung ihre verfehlte Wirtschaftspolitik vor.
Der langandauernde Streit Russlands und der Ukraine rankt sich um Energie-Abhängigkeiten und finanzielle Erpressung des Schwächeren. Fell sagte, „die Abhängigkeiten der Europäischen Union und der Ukraine von russischen Energielieferungen wird als ein Instrument der Politik eingesetzt. Der vollständige Umstieg auf Erneuerbare Energien wird nicht nur den klimapolitischen Durchbruch bringen, sondern auch den Missbrauch der Energieabhängigkeit als politische Waffe beenden“. Fell nannte Erneuerbare Energien Energien des Friedens. Auch für Europa. „Wo Öl, da ist auch Krieg“.
Öl- und gasfördernde Länder haben verständlicherweise kein Interesse an Erneuerbaren Energien. Im Gegenteil.
In fortschrittlichen Staaten dagegen, wie Japan und Kanada, hat ein Umdenken stattgefunden. Auch China hat verstanden, dass seine riesigen Kohlekraftwerke zur Verstromung der Kohle und für die Heizungen der privaten Haushalte in ihren Millionenstädten ein Ende finden muss. Die Luftbelastung ist für Mensch und Umwelt unerträglich.
Großangelegte Aufforstungen in Teilen der Welt sind ein Mittel um das Kohlendioxyd im Boden und im Blattwerk der Bäume zu binden. Dazu gehört China und Kanada, die sich mehr und mehr ihrer Verantwortung bewusst werden. Die Flotten der Busse für den Nahverkehr sind in diesen Ländern fast vollständig auf Elektroantrieb umgestellt. Australien hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, im Jahre 2033 zu 100 Prozent mit Erneuerbaren Energien auszukommen.
Fell erwähnte den hohen Verbrauch von Schweröl in der Schifffahrt. Kerosin wird in einer weltweiten Luftflotte von etwa 35.000 Passagiermaschinen verbrannt, die schädlichen Rückstände tragen ihren Teil zur Erderwärmung und Luftverschmutzung bei.
Warum werden Atomkraftwerke rund um die Welt nicht abgeschaltet ? Auch darauf hatte Fell eine Antwort. In diesen Anlagen wird, neben der Stromerzeugung, waffenfähiges, spaltbares Material erzeugt. Sei es zum Antrieb der Atom-U-Boote und –Schiffe oder in den Atomsprengköpfen. Auch Pakistan und Indien gehören längst in den Kreis der Atommächte.
Wie erwartet, kamen zahlreiche Mitglieder und Freunde der Europa-Union. Die Diskussion mit Fell wurde ernsthaft und sachlich geführt. Beifall war Hans-Josef Fell sicher. Ein Vormittag, der die Anwesenden nachdenklich stimmte.
Hans-Josef Fell ist seit vielen Jahren Mitglied der Europa-Union in Hammelburg.

Dieter Galm