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Tansania – Jenseits des Kilimandscharo

Tansania – Jenseits des Kilimandscharo

2018-06-06T20:42:56+00:00 27. Februar, 2018|
  • Referent Dipl.-Pol. Michael Jörger

Für den 19.2.2018 hatte der Kreisverband der Europa-Union Bad Tölz-Wolfratshausen e.V. zu einer Vortragsveranstaltung zum Thema „Tansania – Jenseits des Kilimandscharo – Bericht aus einem Entwicklungsland“ eingeladen. Referent war Dipl.-Pol. Michael Jörger, langjähriger Leiter der Europäischen Akademie in Bayern, der das Land durch zahlreiche Reisen in die Region gut kennen lernen konnte.

Der Vortrag spannte einen Bogen von den Spuren der deutschen Kolonialgeschichte bis hin zur deutschen und europäischen Entwicklungshilfe von heute. Die Bevölkerung, die 1967 12 Millionen Menschen betrug, liegt heute bei 55,5 Millionen bei einer Fläche wie Deutschland, Frankreich und der Schweiz zusammen. Sie besteht zu 40% aus Christen, 40% Moslems und 20% anderen Glaubensrichtungen, bei einer Vielfalt an ethnischen Gruppen, die relativ friedlich miteinander umgehen. Es gibt 130 Dialekte und Sprachen, hauptsächlich Suaheli. Nur an den weiterführenden Schulen wird Englisch gelehrt. Staats- und Regierungschef ist John Magufuli, der seit 2015 an der Macht ist. Er wird auch „Der Bulldozer“ genannt und hat versprochen, aufzuräumen, also Korruption zu beseitigen und das Land zu erneuern. Es herrschen weitgehend marktwirtschaftliche Verhältnisse, trotzdem zählt Tansania zu den ärmsten Ländern der Welt: 90 % der Bevölkerung leben in Armut mit weniger als 1 US-Dollar pro Tag.
Herr Jörger berichtete von einem Reichtum des Landes an Bodenschätzen wie Gold, Edelsteinen, Edelmetallen, Öl, Gas, Kohle, Eisenerz. Dieser wird derzeit jedoch schlecht genutzt: nur 10 % werden zur Zeit gefördert. Hierfür ist hauptsächlich eine sehr schlechte Infrastruktur verantwortlich. Im Vergleich zu Deutschland mit einem Straßennetz von 230.000 Kilometern, besitzt Tansania nur Straßen mit der Gesamtlänge von 20.000 Kilometern, davon sind nur 4.000 Kilometer geteert. Der größte Wirtschaftszweig ist der Agrarsektor, von dem 65 % der Bevölkerung lebt. Er bewegt sich jedoch auf sehr niedrigem Niveau. Hauptprodukte sind Kaffee, Baumwolle, Tabak, Tee, Cashewnüsse und Sisal. Das Problem sind Klimaschwankungen und nicht beeinflussbare Weltmarktpreise. Nur 50 % der Landbevölkerung hat Zugang zu Wasser. Dieses muss von öffentlichen Zapfstellen geholt werden. Nur 20 % der Bevölkerung hat Zugang zu elektrischem Strom.
Das Land hat mit einem dramatischen Rückgang der Fischbestände zu kämpfen. Zur Zeit versucht man die Dynamitfischerei einzudämmen, hierfür baute die EU das „Smart Fish Programme“ auf. Das Handwerk ist sehr schwach, es gibt kaum Industrialisierung. Importprodukte aus China haben einen sehr hohen Wirtschaftsanteil, z.B. Fahrräder, die als Transportmittel Nr. 1 gelten. China tätigt Investitionen im Land, es werden jedoch keine Einheimischen beschäftigt, nur eigene Arbeitskräfte. Das Kleingewerbe hat einen hohen Stellenwert, Fliegende Händler sowie Näherinnen sind stark vertreten. Hier gibt es eine starke Konkurrenz durch indische Zuwanderer.
20 – 30 % der Bevölkerung sind Analphabeten, nur 10 % besuchen weiterführende Schulen. Die Gehälter der Lehrer liegen bei 140 Euro pro Monat, wovon man nicht leben kann. Im Bereich Gesundheit gibt es nur wenig ausgebildetes Personal, Ärzte und Pfleger sind Mangelware. Häufige Todesursachen sind Malaria, Aids und TBC. Heiler genießen in der Bevölkerung eine hohe Akzeptanz. Es besteht eine starke Gefährdung durch Organhändler.
Der Tourismus ist besonders im Norden des Landes (Region Kilimandscharo, Serengeti) und an den Stränden von Sansibar ausgeprägt, ca. 1,04 Mio pro Jahr. Ein Viertel der Landesfläche ist als Schutzgebiet ausgewiesen.
Die Beziehungen zu Deutschland sind aus der Sicht des Referenten problemfrei und freundschaftlich. Der Schwerpunkt der Zusammenarbeit liegt bei der Wasserversorgung und der Information über Familienplanung und Gesundheitsvorsorge (hier hat das Thema Beschneidung einen hohen Stellenwert). Es bestehen zahlreiche Städtepartnerschaften. Gute Fortschritte wurden bei der Reduzierung der Kindersterblichkeit und der HIV-Rate erzielt.
Von der EU wurden zahlreiche Projekte bei der Milchproduktion, der Fischerei und der Wasserversorgung initiiert. Im Gegensatz dazu steht der Export von billigem EU-Fleisch in die Länder Afrikas, was die einheimische Wirtschaft schwächt und der Import von Blumen aus Tansania in die EU durch deren starke Belastung durch Pestizide.
Nach dem Referat schloss sich noch eine ausführliche Diskussion an. Michael Jörger beantwortete eingehend alle Fragen und gab den Zuhörern ein afrikanisches Sprichwort auf den Weg: „Wer andere besucht, soll die Augen öffnen, nicht den Mund“. Die Kreisvorsitzende dankte ihm herzlich für seinen aufschlussreichen Bericht und schloss die Veranstaltung.